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7. Kapitel: Entfesselt (Auszug)

Malachon war lange gewandert, zäh zog sich Stunde um Stunde hin, während er seinen müden Körper vorwärts schleppte. Er vermochte nicht zu sagen, wie lange er schon unterwegs war, als er auf eine Weggabelung stieß und nachdenklich stehen blieb. Wenn er den Kopf nach der einen Richtung wandte, so wehte ihm ein warmer Wind entgegen, der ihm ein leises Lächeln auf die Lippen zauberte. Der Duft von frisch geschnittenem Gras und von aufspringenden Knospen haftete dem Windhauch an, den würzigen Geruch von Rosmarin und Thymian konnte er ohne Mühe erkennen. Eine Erinnerung tauchte empor, eine Erinnerung an arbeitsame Tage umgeben von Küchenkräutern, inmitten aufgescheuchter Hühner und zwischen Gebirgen schmutzigen Geschirrs. Er erinnerte sich an Hirsebrei mit Butter und das herrliche Gefühl endlich in süßen Schlummer zu sinken, nachdem man sich halb tot geschuftet hatte. Und war es nicht gut zu wissen, dass es auch morgen wieder eine Menge zu tun gab, wenn die Sonne aufging? Die Birken, die den großen Garten säumten, würden dann eben so weiß leuchten, wie die schneebedeckten Berggipfel im Osten, die Vögel würden singen und aus der Küche würde der Duft von frisch gebackenen Krapfen zu ihm heraufsteigen. Konnte er denn irgendwo anders glücklich sein als hier?

Malachon wusste nicht, warum sein Lächeln erstarb und seine Schultern sich versteiften, er konnte sich beim besten Willen nicht erklären, warum er sich kopfschüttelnd abwendete und den Weg beschritt, der in die entgegen gesetzte Richtung führte.

Eisig war der Wind, der ihm da entgegen blies und ihm Schnee vor die Füße trieb, der so fein war, wie Nebel. Bald schon fühlte der Junge nicht länger den nackten Waldboden unter sich, sondern schlurfte durch Schneemassen dahin, die alle Farben unter sich begraben und den Wald in ihr erbarmungsloses Weiß eingehüllt hatten. Hier klang die Stille laut in Malachons Ohren, nur ab und zu heulte der Wind auf, um ihm gleich darauf scharf anzufallen, wie ein toll gewordener Hund. Dem Geruch von Eis und Schnee haftete etwas so Endgültiges an, dass es ihm vorkam, als wandelte er einen schmalen Grad zwischen Leben und Tod entlang.
Mit gesenktem Haupt quälte er sich durch eine Wüste aus Eis, deren Schneedünen unablässig wanderten und der Landschaft schon eine neue Form gaben, noch ehe er sich das alte Bild eingeprägt hatte. Es war unmöglich für ihn zu sagen, wo er sich befand und wohin er strebte, selbst der Himmel hatte die grauweiße Farbe angenommen, die ganze Welt hatte sich in dieses endlose Meer aus wogendem Weiß verwandelt.
Doch bald schon erkannte er, dass dies nicht vollends stimmte. Nach einer Weile nämlich stieß er auf eine einfache kleine Holzhütte, die mit der Standhaftigkeit einer steinernen Festung aus den wandernden Schneedünen aufragte. Behaglich war der Lichtschein, der durch die verhangenen Fenster nach draußen sickerte, und doch verspürte Malachon nicht den Wunsch, hinter den Holzwänden Schutz zu suchen. Aus irgendeinem Grund erfüllte ihn das unmissverständliche Gefühl, dort nicht willkommen zu sein. Statt direkt auf die Hütte zuzugehen, lenkte er seinen Schritt nun dem schwarzen Bündel zu, das er unweit des Eingangs entdeckt hatte, obwohl es doch schon halb unter dem Schnee begraben war.

Als er nahe genug heran war, bückte er sich und untersuchte es. Es war ein Stück Stoff, wenn er nicht irrte, ein dicker Mantel aus schwarzer Wolle. Was für ein glücklicher Zufall! Zwar war der Stoff schon halb gefroren, er würde sich das Fundstück dennoch dankbar um die Schultern legen. Woher sollte er schließlich wissen, wie lange es noch dauerte, bis er diese Eiswüste durchquert hatte? Mit zusammengebissenen Zähnen schaufelte er den Schnee beiseite, um das begehrte Kleidungsstück freizulegen. Die leichte Röte, die auf der bloßen Haut seiner Hände leuchtete, war bereits in ein beunruhigend bläuliches Violett übergegangen, als er abrupt inne hielt. Überrascht starrte er auf das, was er ausgegraben hatte.

Der Mantel war durchaus kein herrenloses Kleidungsstück, sondern gehörte einem Mann, dessen steifgefrorener Körper unter den Schneemassen begraben gelegen hatte. Totenbleich war die Hand, die aus dem Schnee aufragte und auch das Gesicht des Mannes war von keiner anderen Farbe als der Schnee selbst. Die Augenbrauen und der kurze Bart waren vereist, die Augen geschlossen, als läge er in tiefem, gramerfülltem Schlummer. Malachon fühlte sein Herz von tiefem Mitleid angefüllt. Das Gesicht war nicht verzerrt und entstellt, wie es eigentlich bei einem Mann zu erwarten gewesen wäre, der von den eiskalten Schneemassen, die schwer auf seinem Brustkorb lasteten, allmählich erdrückt und erstickt worden war. Stattdessen fand Malachon nur Zeichen des Kummers in sein erstarrtes Gesicht eingeschnitten, ein verbitterter Zug umspielte unverkennbar die blassen Lippen. Ein heftiges Aufbegehren durchfuhr Malachons Leib. Was hatte dieser Mann getan, das ein so jämmerliches Ende rechtfertigte? Wie jung er noch war – und wie unsagbar schön. Behutsam legte Malachon seine warmen Finger auf die eiskalte Hand des Toten, die scheinbar flehentlich in seine Richtung wies.

»Wenn ich dir doch nur helfen könnte«, flüsterte er. „Glaub mir, ich würde es tun, wenn ich könnte.“

Er zuckte ein wenig zusammen, als sich völlig unerwartet ein Finger unter seiner Berührung krümmte, ganz langsam nur, als käme etwas von Malachons Wärme in den Leib des Toten zurückgeflossen. Der Junge lächelte erleichtert. Es steckte also doch noch Leben in ihm. Die Freude war jedoch nicht von langer Dauer.

Schneller als ein Gedanke schnellte die Hand hervor und noch ehe Malachon zurück zucken konnte, fühlte er sein Handgelenk in eisernem Griff umschlossen. Mit geschmeidigen Bewegungen, die den Jungen mehr als alles andere verwirrten, befreite sich der vermeintliche Tote aus seinem eisigen Gefängnis und ragte nun drohend wie Sturmwolken vor Malachon auf. Seine Augen gleißten in strahlendem Silber, wie mondlichtdurchflutetes Eis. Sein schönes, ebenmäßiges Gesicht trug noch immer den alten Ausdruck erstarrter Bitternis. Erschrocken versuchte der Junge zu fliehen, doch die Hand hielt ihn unerbittlich fest.
»Natürlich kannst du mir helfen«, die heißere Stimme des Fremden triefte vor Hohn. »Wer, wenn nicht du, Malachon?«
Ein Licht ging von seiner weißen Haut aus, das den Jungen so sehr blendete, dass er den Anblick nicht ertragen konnte und das Gesicht abwenden musste.
»Gib mir, was ich brauche, Malachon. Du allein trägst den Schlüssel. Gib mir den Schlüssel, Malachon. Ich brauche ihn.«
»Ich habe keinen Schlüssel«, beteuerte Malachon wahrheitsgetreu. Der Griff um sein Handgelenk war so fest, dass er fürchtete, seine Knochen würden jeden Moment bersten. Der Mann schien es zu bemerken und ließ seine Hand fallen. Der Junge atmete auf. Im nächsten Moment jedoch schoss die Hand erneut nach vorne und fuhr so glatt wie eine Klinge in Malachons Brust.

Der Junge fühlte keinen Schmerz. Regungslos stand er da und starrte auf das pulsierende Stück Fleisch, das der Fremde in der hohlen Hand barg. Dunkelrot, beinahe schwarz, war das Blut, das von dem krampfhaft zuckenden Herzmuskel rann und zu Boden troff. Malachon hatte keine Kraft sich abzuwenden, er fühlte nur, wie alles Gefühl aus seinen Gliedern wich und seine Sicht verschwamm.

»Ich werde ihn mir holen, den Schlüssel, und wenn es das letzte ist, was ich tue«, ertönte eine unmenschliche Stimme, die von irgendwoher aus dem leeren Raum drang. Das zuckende Ding dort, das in Blut getränkte Fleisch, war das nicht der nackte Körper eines Mannes, der mit rasender Gebärde um sich trat und ins Leere griff, verzweifelt nach Halt suchend, um dann doch in einem Ozean aus Blut zu versinken? Malachon fühlte, wie er mit ihm versank, bis auf den tiefsten Grund der Träume tauchte er hinab, wehrlos und willenlos.

(...)

aus: "Die Gärten der Nacht" (in Bearbeitung)
21.2.15 16:10
 



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