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Prolog (Auszug)

Aquin saß im Schneidersitz am Rande einer Lichtung, die geliebte Harfe in den Schoß gebettet. Der Kopf war ihm leicht auf die Brust gesunken, so dass sein Gesicht fast vollständig von dem kinnlangen blonden Haar verdeckt wurde. Ein vorbeiziehender Wanderer hätte wahrscheinlich gedacht, der junge Spielmann sei in der noch immer wohltuenden Wärme der Abendsonne dieses Spätsommertages eingedöst. Doch der Musiker war weit davon entfernt zu schlafen, wenngleich der Zustand, in dem er sich befand, dem Träumen gar nicht so unähnlich war. Er war ganz durchdrungen vom Plätschern des Baches, der sich hinter seinem Rücken seinen verschlungenen Pfad durch die weiche Walderde bahnte. Der vielstimmige Gesang des Wassers kam Aquin so unnachahmlich vor, dass er nicht müde wurde, dieser Melodie Strophe um Strophe lauschen. Hoch über seinem Haupt rauschten die Buchen in ihrer schweren Fülle und die launenhaften Pappeln ließen hin und wieder ihr silbergrünes Laub erzittern. Der Spielmann war in jenen gedankenlosen Zustand geraten, in dem er nicht mehr in der Lage war, sich einer bekannten Melodie zu erinnern oder sich eine neue auszudenken. Fast schlafwandlerisch ließ er die Hand über die Harfe streichen, wobei er die Saiten eher zärtlich streichelte als sie fordernd anzuschlagen. Nur hin und wieder waren sachte Harfenklänge zu vernehmen, die keine eigene Welt erschufen, sondern sich ehrfürchtig in das bestehende Netz aus Klängen einflochten, das von der Landschaft selbst gewoben wurde. Der Spielmann genoss es, Teil dieses wundervollen Universums aus Klängen zu sein, das größer und schöner war als jede Komposition, die ein Mensch ersinnen konnte und doch ...

Und doch träumte Aquin von den großen Spielleuten von einst, die mit ihrem Gesang Tote zum Leben erwecken konnten. Allein mit der Kraft ihrer Lieder war es ihnen gelungen, Kriege zu verhindern und Versöhnung zu stiften. Vor seinem geistigen Auge sah Aquin die altehrwürdigen Meister der Harfe oder der Laute, die mit geschickten Fingern und spitzer Zunge erreichen konnten, dass ein einflussreicher Herrscher zur Witzfigur seines Volkes wurde, ein gefürchteter Heerführer zum Gespött seiner Krieger. Lust und Leid, Tränen und Trost – die großen Spielleute von einst hatten das ganze Spektrum der menschlichen Empfindungen beherrscht, so wie ein Wetterzauberer über Blitz und Donner gebietet, über Nebel und Sonnenschein. Aquin musste über den Gang seiner Gedanken schmunzeln, die alles andere als bescheidene Wünsche verrieten. Aber träumten denn nicht alle Spielleute davon, es wenigstens ein einziges Mal zu erleben, dass es nicht bloß besoffene Zecher waren, die das dargebotene Lied mitgröhlten, sondern dass der Klang der eigenen Stimme die Sterne zum Tanzen brachte?

(…)

aus: „Die Gärten der Nacht“ (in Bearbeitung)
16.2.15 14:35
 



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