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Frau Belham und die verlorene Revolution

Als Frau Belham zum ersten Mal ihren Fuß in das kleine fränkische Städtchen setzte, in der sie zu studieren beabsichtigte und das später für einige nette Jahre ihre Heimat werden sollte, konnte sie sich des Eindrucks nicht erwehren, ganz unverhofft im Paradies gelandet zu sein. Es war ein geradezu bilderbuchartiger Sommersonnentag und sowohl die beschauliche Fußgängerzone als auch die kleinen Cafés und Restaurants waren von zahlreichen jungen Menschen bevölkert, die vor Lebens- und Unternehmenslust nur so sprühten. Zumindest kam es Frau Belham im direkten Vergleich mit ihrem Heimatdorf so vor, das weitestgehend von missmutigen Hausfrauen und nicht weniger verdrießlichen großverdienenden Familienvätern bevölkert wurde, die sich selbst und ihren Nachwuchs zu einem „gesunden Leben auf dem Lande“ verdonnert hatten. Frau Belham, die sich selbst immer für etwas ganz und gar Besonderes gehalten hatte, weil sie auf ihrem Dorfgymnasium die Einzige gewesen war, die sich schwarz kleidete und dubiose Musik hörte, weidete sich am Anblick der verrückten Haartrachten und bunt-chaotischen Kleidungsstile der jungen Stadtmenschen, die mit signifikanter Häufigkeit nicht nur sehr intelligent, sondern auch außerordentlich attraktiv aussahen.

Während Frau Belham glücklich ihre Lasagne in einer studentischen Pasta-Kneipe mampfte und mit unersättlicher Neugier ihren Blick über die Passanten schweifen ließ, hatte sie tatsächlich den Eindruck, sich unversehens Zugang zu einer utopischen Stadt verschafft zu haben: Einen Ort der bunten, friedlichen Revolution gegen den untoten Daseinszustand des Spießbürgertums, an dem man den Tag mit endlosen Gesprächen über Literatur und Philosophie verbringen konnte, während man in einem Teehaus seinen Chai schlürfte oder durch den Schlosspark lustwandelte. Um den Tag abzurunden, konnte man sich in einem Pub, der mit überdimensionierten und in völlig sinnlosen Gruppen arrangierten Trödelkram dekoriert war, den ein oder anderen Cider genehmigen. Wenn man nachts um halb vier dann nach Hause torkelte (beziehungsweise der völlig irrigen Ansicht war, noch felsenfest im Fahrradsattel zu sitzen), konnte man den bemerkenswertesten Menschen begegnen, deren kreativer Wahnsinn zwar leider erst ab einem gewissen Promillewert aktiviert wurde – dann aber keine Grenzen mehr kannte.

Frau Belham schwört, dass es zu Beginn ihres Studiums so und nicht anders um die Studentenstadt bestellt war, die ihre Uni beherbergte. Aber insgeheim geht sie scharf mit sich ins Gericht und fragt sich, ob sie nicht der sinnumnebelnden Krankheit der Nostalgie verfallen ist. Noch im letzten Semester ihres Magisterstudiums und pünktlich zur Einführung der neuen Bachelor-Studiengänge, konnte Frau Belham den Beginn einer Veränderung beobachten, den sie sich nie recht erklären konnte: die jungen Männer mit Dreadlocks und Cordhosen, die aus bunten Flicken zusammengesetzt waren, sowie deren dunkelromantische Kollegen im schwarzen Ledermantel konnten immer seltener gesichtet werden, wie sie die Korridore des Universitätsgebäudes entlang schlurften beziehungsweise majestätisch auf und ab schritten. An ihre Stelle traten aufgetakelte Tussis, die mit pinken High Heels den halsbrecherischen Versuch wagten, eine Bibliotheksleiter zu besteigen – Frau Belham war live mit dabei, als sich dieser denkwürdige Akt menschlicher Blödheit ereignete und beobachtete halb besorgt, halb schadenfroh, wie der wagemutige Kletterakt der modebewussten Bachelor-Studentin kläglich scheiterte. Die neuen Studenten, die wie eine gruselige Alienrasse quasi über Nacht in Frau Belhams Stadt aufgetaucht waren, trugen überdimensionierte Sonnenbrillen, die an grün-silbrig schillernde Insektenaugen erinnerten, oder schleppten ihren mäntelchentragenden Chihuahua als lebendiges Accessoire von Vorlesungssaal zu Vorlesungssaal. Frau Belham betrachtete diese Veränderungen als unmissverständliche Omen einer bevorstehenden Apokalypse und fühlte sich sehr in dieser Einschätzung bestärkt, als sie eines Tages die Botschaft entdeckte, die ein Graffiti-Künstler in riesigen Buchstaben an das Universitätsgebäude gesprüht und offensichtlich an die „neue Studentenschaft“ gerichtet hatte: „Ihr seid ja alle ganz nett – aber wo bitte ist die Revolution?“

Frau Belham betrachtete das Graffiti zusammen mit zwei Polizisten, die vom aufgebrachten Hausmeister der Universität herbeigeholt worden waren. Selbstverständlich wurde die sinnlose Schmiererei innerhalb weniger Tage entfernt und weil das den Ordnungshütern so viel Spaß gemacht hatte, gingen sie noch einen Schritt weiter: In der kleinen Parkanlage, die das Unigebäude umgab und in dem ehemals das wunderbarste anarchische Chaos geherrscht hatte, wurden Verbotsschilder von allen denkbaren Arten und Formen aufgestellt. Es gab kaum einen Mülleimer oder einen markanten Baum, an dem kein Warnschild klebte, kaum eine freies Stück Rasenfläche, in das keine Warntafel eingepflockt war: Fahrradfahren strengstens verboten, nicht auf der Liegewiese liegen, herumhüpfende Frösche dürfen nicht in den Brunnen gesetzt werden, weil Ertrinkungsgefahr besteht. Insbesondere letztgenanntes Warnschild führte Frau Belham überdeutlich vor Augen, wie es um die Kampfkraft der studentischen Revolutionsbewegung tatsächlich bestellt war. Sie blickte sich um und begegnete den netten, indifferenten Blicken der Bachelor-Studenten, die vollends damit beschäftigt waren, nachzurechnen, ob sie alle ECTS-Punkte beisammen hatten. Frau Belham lächelte. Sie glaubte nicht, dass die ordnungsstiftenden Gewalten der Stadt, die offenbar durch das aufrührerische Graffiti in Panik geraten waren, irgendeinen Grund zur Befürchtung hatten: Es war keinem einzigen der Studis, die friedlich ihre Klausurtermine in ihre Smartphones eintippten, ernsthaft zuzutrauen, einen armen, unschuldigen Frosch dem Tod durch Ertrinken auszusetzen.

aus: "Neues von Frau Belham" (fortlaufend)
21.2.15 15:54
 



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